Investiert Osnabrück 600.000 Euro in Antikriegsbaracke?

Investiert Osnabrück 600.000 Euro in Antikriegsbaracke?

Der Erhalt der unter Denkmalschutz stehenden Militärbaracke 35 in Atter würde 600.000 Euro kosten. Macht die Politik das mit?

Die Baracke 35 steht für eine historische Besonderheit und wurde daher vom Großreinemachen in der ehemaligen Kaserne an der Landwehrstraße in Atter ausgenommen. Sie ist die einzig sichtbare Erinnerung an das Internierungslager für serbische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg. Aber: Der Erhalt des etwa 80 Jahren alten Holzgebäudes ist teuer.

Der Eigenbetrieb Immobilien schätzt die Kosten für eine „denkmalgerechte Sicherung der Gebäudesubstanz“ auf 300.000 Euro. Damit wäre nur der Erhalt gesichert. Um die Baracke dauerhaft etwa für Ausstellungen oder Bildungsstätte nutzen zu können, wären noch einmal 300.000 nötig – zusammen also 600.000 Euro.

Zweifel im Ausschuss

Als Dirk König, Leiter des Eigenbetriebes Immobilien dies Zahlen den Mitgliedern des Finanzausschusses vorstellte, kamen Zweifel auf. Fritz Brickwedde (CDU) deutete an, dass von ihm wohl „keine Zustimmung“ zu erwarten wäre, sollte diese Summe tatsächlich aufgerufen werden. Auch Thomas Thiele (FDP) kündigte an: „Wenn das so kommen sollte, werde ich meine Hand nicht heben“. Die Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager sollte besser an anderer Stelle in der Stadt wach gehalten werden, „da, wo mehr Leben ist“. Michael Hagedorn (Grüne) regte an, nach Förderprogrammen Ausschau zu halten und Stiftungen ins Boot zu holen. Jens Martin (SPD), Mitglied des Kulturausschusses, äußerte die Hoffnung, „dass wir einen Weg finden, die Baracke zu retten.“ Wulf-Siegmar Mierke (UWG) sieht gar keine Alternative: „Die Baracke steht unter Denkmalschutz, aus der Nummer kommen wir gar nicht raus.“

Kleiner Verein ohne eigene Mittel

Der Verein Antikriegsbaracke hat einen kleinen Teil des Gebäudes unentgeltlich bis 2016 gepachtet. Die Initiative „Wohnen für Alle“, die in der ehemaligen Kaserne ein Gemeinschaftswohnprojekt verwirklichen will, hat nach Angaben der Immobilienverwaltung Interesse bekundet, den anderen Teil der Baracke zu mieten. Weiter Nutzungskonzepte gebe es bislang nicht.

Die Baracke sei „in Teilen akut sanierungsbedürftig“, heißt es in den Unterlagen der Verwaltung. Bauteile und Farbanstriche seien mit Asbest und giftigen Kohlenwasserstoffen (PAK) verseucht, die Holzkonstruktion mit Salzen belastet. Aktuell könne die Baracke nicht beheizt werden, weil die Erschließung des Landwehrviertels noch nicht abgeschlossen ist.Laut Pachtvertrag obliegt es dem Verein Antikriegsbaracke, die verpachteten Räume baulich in Schuss zu halten. Der Verein ist dazu aber nach Einschätzung der Verwaltung personell und finanziell nicht in der Lage.

Überrascht von der hohen Summe

Petar Miloradovic, Sprecher der etwa 20 Vereinsmitlieder, ist überrascht von der hohen Summe. „Man soll es nicht übertreiben. Wir wollen doch keine vergoldeten Türklinken haben“, sagt der Sohn eines früheren Kriegsgefangenen. Dem Verein sei es wichtig, die Erinnerung an dieses besondere Kapitel deutscher und Osnabrücker Geschichte wach zu halten. Das müsse doch auch mit weniger Aufwand möglich sein. Vielleicht, so Miloradovic‘ Verdacht, werde der Preis ja extra nach oben geschraubt, um das Projekt zum Scheitern zu bringen.


Eine Insel jüdischen Lebens mitten im Krieg

Von 1941 bis 1945 waren im Lager Oflag VIc Eversheide bis zu 5000 serbische Offiziere interniert, unter ihnen auch 400 Juden. Dass sie in der Gefangenschaft nahezu unbehelligt ihre Glaubensriten pflegen durften, gilt als Besonderheit in der Geschichte des Nationalsozialismus. Dieses Gefangenenlager bildete den Ursprung für die serbisch-orthodoxe Kirche, die in den 60er-Jahren an der Wersener Straße errichtet wurde. Die sterblichen Überreste von mehreren Hundert Lagerinsassen sind in der Krypta des Gotteshauses bestattet. Nach dem Krieg übernahm die britische Armee das Gelände an der Landwehrstraße und gab der Kaserne den Namen „Quebec Baracks“.

Die Initiative Antikriegsbaracke setzte sich für den Erhalt mindestens einer Baracke des früheren Kriegsgefangenlagers ein, um dort eine Erinnerungsstätte und einen Lernort zu schaffen. Das Land Niedersachsen stellte schließlich die Baracke Nr. 35 unter Denkmalschutz, die allerdings damals nicht der Unterbringung von Gefangenen diente, sondern von Wachmannschaften. 2013 kaufte die Stadtwerke-Tochter Esos (Energieservice GmbH) das ehemalige Kasernengelände, um es als Wohngebiet zu vermarkten. Die Stadt übernahm die Baracke 35 mit 1850 Quadratmeter Grundstück in ihren Besitz. Der Bilanzwert beträgt 13.000 Euro.

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