Baracke 35 soll zum Treffpunkt für das Landwehrviertel werden

Baracke 35 soll zum Treffpunkt für das Landwehrviertel werden

Die hölzerne Baracke 35 ist das einzige Gebäude, das noch an die Zeit des Kriegsgefangenenlagers Eversheide erinnert. Jetzt soll in ihrem Innern ein Treffpunkt für das Landwehrviertel entstehen. Das gefällt auch dem Verein Friedensbaracke, der den sanierungsbedürftigen Bau als Gedenkstätte nutzen will.

 

Die Stadt Osnabrück setzt auf einen stattlichen Zuschuss vom niedersächsischen Umweltministerium. 900.000 Euro werden für das Projekt in Atter veranschlagt, 90 Prozent davon erhoffen sich die Planer vom Referat Strategische Steuerung und Rat aus dem Förderprogramm „Investitionspakt Soziale Integration“ im Quartier, über das in diesem Jahr landesweit 22,5 Millionen Euro ausgeschüttet werden.

„Wir-Viertel“ wird das Projekt in den Antragsunterlagen genannt. So soll aus der denkmalgeschützten Baracke ein „zentraler Nachbarschaftsort“ für das größte Baugebiet der Stadt werden, und das ist immerhin für mehr als 2000 Menschen ausgelegt. 

Von einem „Ort der Begegnung und des Miteinanders“ ist in den Antragsunterlagen die Rede, als „Raum für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft“ wird das Projekt bezeichnet. Die Baracke solle „allen neuen Nachbarn des Landwehrviertels für soziale, ökologische und kulturelle Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden“, um zusammen zu kommen, sich auszutauschen, zu beraten und regelmäßig miteinander zu feiern. Zugleich sei der Ort auch als „Brücke in die umliegenden Nachbarschaften“ zu verstehen.

Obwohl noch nicht feststeht, ob der Antrag aus Osnabrück bewilligt wird, bekommt die Diskussion um die Friedensbaracke plötzlich eine neue Dynamik. Denn bislang hatte sich die Stadt mit einer Nutzung schwer getan. Als das historisch bedeutsame Lagergebäude nach dem Abzug der Briten unter Denkmalschutz gestellt wurde, fiel dem Fachbereich Immobilien die Baracke ungewollt in den Schoß. Politiker witterten in dem Holzbau vor allem eine Kostenfalle.

2017 bekamen sie es schriftlich: Die Sanierung des ehemaligen Kasernengebäudes sollte rund 600.000 Euro kosten. Teuer wird vor allem die Sanierung von Fassade, Dach und Fenstern. Um den Sockel vor eindringender Feuchtigkeit zu schützen, verordnen die Baufachleute eine umfassende Abdichtung.

Im Innern müssen Decken und Trennwände vom Asbest befreit werden. Dazu kommt eine neue Einrichtung mit Möbeln, Musikanlage und Beamer. Schließlich sollen in der Baracke auch Vortragsveranstaltungen, Konzerte und Feiern stattfinden.

„Für uns ist das wie ein Märchen“ sagt Petar Miloradovic, der Vorsitzende des Fördervereins „Antikriegskultur und Friedenshandeln“, kurz „Friedensbaracke Atter“. Seit vier Jahren darf der Verein das hintere Drittel der Baracke nutzen, um über die Geschichte des Lagers zu informieren. 

Eine Ausstellung mit historischen Dokumenten und Zeitungsausschnitten gibt es schon, geplant sind aber auch Zeitzeugengespräche und Diskussionsveranstaltungen, Kunst- und Schulprojekte, die sich allesamt um den Alltag der Kriegsgefangenen drehen. Um die Schüler von heute abzuholen, würde Miloradovic am liebsten auch Kriegsspiele und Egoshooter zum Thema machen. 

Ziel war es immer, Leben in die Baracke zu holen, und deshalb passen dem Verein die Pläne der Stadt gut ins Konzept. Željko Dragić, der seit wenigen Wochen stellvertretender Vorsitzender ist, sieht die Chance gekommen, dass mit der Konservierung der 80 Jahre alten Holzbretter ein dauerhafter Erinnerungsort für die Geschichte des Lagers entsteht. 

Als Historiker mit serbischen Wurzeln liegt ihm daran, dass auch die künftigen Generationen erfahren, was im Zweiten Weltkrieg an der Landwehrstraße geschah. Im Kriegsgefangenenlager Eversheide, im Nazi-Jargon Oflag VIc genannt, waren seit 1941 etwa 5000 königstreue Offiziere aus Serbien inhaftiert. Die meisten von ihnen wollten nach dem Krieg nicht ins sozialistische Jugoslawien des Marschalls Tito zurückkehren. Viele von ihnen blieben in Osnabrück und gründeten später die serbisch-orthodoxe Gemeinde mit der markanten Kirche an der Wersener Straße.

Zu den gefangenen Offizieren gehörten die Väter und Großväter einiger Vereinsmitglieder. Auch den Vater von Petar Miloradovic brachte der Krieg ins Deutsche Reich. Željko Dragić will dafür sorgen, dass die Geschichte dieser Generation nicht vergessen wird. Dass sich in der Baracke Menschen treffen, die davon erzählen. Zu solchen Begegnungen könnte es eigentlich schon jetzt kommen, aber der Verein „Antikriegskultur und Friedenshandeln“ kämpft noch mit den Unzulänglichkeiten des Gebäudes.

 

Zwar gibt es mittlerweile Strom in der Baracke, aber die Toiletten dürfen nicht benutzt werden, die Heizung ist nicht angeschlossen, und der schäbige, von vielen Flecken gezeichnete Teppichboden lädt ebenso wenig zum Verweilen ein wie der dezent-muffige Geruch im ganzen Gebäude.

So rächt sich, dass die Bausubstanz der Baracke 35 über viele Jahre vernachlässigt wurde. Umso größer ist die Hoffnung von Petar Miloradovic und Željko Dragić, dass es in Hannover grünes Licht gibt. Grünes Licht für das „Wir-Viertel“ an der Landwehrstraße.

No Comments

Post A Comment